2010: Das Jahr im Überblick
Ein schweres Erdbeben verwüstet Haiti. In dem Karibikstaat sterben nach offiziellen Angaben über 230 000 Menschen, mehr als eine Million verlieren ihr Obdach. Die Menschen des ärmsten Landes der westlichen Hemisphäre sind dringend aufmedizinische Versorgung und sauberes Trinkwasser angewiesen. Für das Internationale Rote Kreuz beginnt die größte Hilfsaktion, die je für ein einzelnes Land organisiert wurde. 20 Katastrophenhilfe-Einheiten sind mit 215 Delegierten im Einsatz. Das DRK sammelt Spenden im Rekordtempo und fliegt eine mobile Klinik sowie ein großes Hospital ins Katastrophengebiet nach Port-au-Prince ein, in denen insgesamt rund 950 Verletzte täglich betreut werden.
Gemeinsam mit den anderen Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege wird das Deutsche Rote Kreuz Kooperationspartner im EU-Jahr 2010 gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Schwerpunkt der DRK-Arbeit liegt dabei in der Bekämpfung der Kinderarmut. So macht sich der Bundesverband für kostenlose Mittagessen an Schulen sowie kostenlose Lehr- und Lernmaterialien stark. „Vor allem Kinder und Jugendliche sind die Leidtragenden. Bei ihnen kommt zu wenig an, sowohl im Sinne von finanziellen Spielräumen für eine gesunde Ernährung und eine altersgemäße Freizeit, als auch in Form von kostenlosen Bildungs- und Betreuungsangeboten“, so DRK-Vizepräsidentin Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg. Auch die regionalen DRK-Gliederungen zeigen mit zahlreichen Projekten Präsenz im Aktionsjahr.
Nicht nur in der Karibik ist das Deutsche Rote Kreuz im Katastropheneinsatz – auch in Chile und im Osten der Türkei bebt die Erde und fordert das weltweite Hilfsnetzwerk heraus. Von EU und Bundesregierung finanzierte Hilfsgüter des DRK wie Zelte, Decken und Wasserbehälter werden nach Chile geflogen. In Ankara koordiniert derweil ein Krisenteam des Türkischen Roten Halbmonds die Hilfeleistungen. Während Blutspendezentren vor Ort die Opfer mit Blutkonserven versorgen, suchen und bergen Freiwillige des Roten Halbmonds Verletzte in den zerstörten Dörfern. In Haiti wurden inzwischen mehr als 16 000 Opfer im Rotkreuzhospital sowie in der Gesundheitsstation behandelt.
Der Europäische Gerichtshof beschließt, dass die Vergabe von Rettungsdienstleistungen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Sachsen EU-weit bekanntgegeben werden muss. Anlässlich des Urteils befürchtet das DRK einen Anstieg von Ausschreibungen und damit langfristig negative Folgen für den Katastrophenschutz. DRK-Präsident Rudolf Seiters appelliert an Bund und Länder: „Auch das Rote Kreuz spricht sich für Transparenz bei der Vergabe öffentlicher Aufträge aus. Aber Rettungsdienst ist mehr als der Transport von A nach B. Er ist die Speerspitze des Bevölkerungsschutzes. Wenn der Rettungsdienst zunehmend von Unternehmen betrieben wird, dann gibt es irgendwann keine notfallerprobten, ehrenamtlichen Katastrophenschützer mehr, die bei Großschadenereignissen zusätzlich verfügbar sind.“
Das DRK feiert ein großes Jubiläum. 20 Jahre ist es her, dass sich das Rote Kreuz in Ost und West zu einem einzigen Roten Kreuz in Deutschland vereinte. Am 7. Mai 1990 gingen aus dem zentralistisch gesteuerten Deutschen Roten Kreuz der DDR sechs neue Landesverbände hervor. Rund 400 Ehrengäste aus Politik und Gesellschaft erscheinen zu den Feierlichkeiten in Schwerin, es folgen zahlreiche Jubiläumsveranstaltungen in den einzelnen Bundesländern. In einer Videobotschaft lobt Bundeskanzlerin Angela Merkel die Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes als „wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft“.
Das größte Sportevent des Jahres, die Fußball-WM 2010 in Südafrika, versetzt auch das Deutsche Rote Kreuz in den Dauereinsatz. Mehr als 1 000 Sanitäter sichern bundesweit an zahlreichen öffentlichen Standorten die Liveübertragungen auf Großleinwänden ab. Sie versorgen Fans, die dehydriert, kreislaufgeschwächt, alkoholisiert oder verletzt sind. Aufgrund der Wetterschwankungen müssen neben ausreichenden Trinkwasserreserven auch beheizbare Behandlungszelte bereitgestellt werden.
Eine schwere Dürre trifft das westafrikanische Land Niger. Die Folge: Fast die Hälfte der Bevölkerung hat zu wenig Nahrung. Rund 385 000 Menschen, darunter viele Kinder unter fünf Jahren, sind schwer unterernährt. „Die Situation wird von Tag zu Tag schlimmer“, sagt Mamane Issa, Generalsekretärin des Nigrischen Roten Kreuzes. „Wegen der schlechten Ernte haben viele Familien nicht genügend Geld eingenommen, gleichzeitig sind die Preise explodiert.“ Das Rote Kreuz stockt seine Hilfen für Niger auf, verteilt Lebensmittel und versorgt die Betroffenen mit Gutscheinen für Getreide und mit Bargeld.
Die zweite große Katastrophe des Jahres trifft Pakistan. Wochenlange Regenfälle lassen Flüsse über ihre Ufer treten, spülen ganze Dörfer weg und reißen Straßen, Brücken und Häuser mit sich fort. Mehr als 18 Millionen Menschen sind von der Flutkatastrophe betroffen, 2 000 Menschen sterben, mehrere Tausend werden verletzt. Es fehlt an Trinkwasser, Nahrung, Decken, Kleidung und Medikamenten. Rund 200 000 Flutopfer leiden wegen des verschmutzten Wassers an Durchfall und Dehydrierung. Das Rote Kreuz ist im Dauereinsatz und behandelt gemeinsam mit dem Pakistanischen Roten Halbmond die Betroffenen, verteilt Trinkwasser und Hilfsgüter.
Wie soll trotz des demografischen Wandels künftig eine gute pflegerische Versorgung gewährleistet werden? Um Lösungswege zu erarbeiten und zu diskutieren, laden das Rote Kreuz und der Verband der Schwesternschaften zum ersten DRK-Pflegesymposium in Berlin. „Vor uns stehen drei wichtige Aufgaben: die finanzielle Sicherung der Pflegeversicherung, die Verbesserung der Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen der Pflegerinnen und Pfleger und die Qualität der Betreuung und Pflege der Menschen“, sagt Gastredner Daniel Bahr, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium.
Das Rote Kreuz begeht den 100. Todestag des Schweizer Kaufmanns Henry Dunant, dem Begründer der globalen Rotkreuzbewegung. Er verstarb am 30. Oktober 1919 in Heiden in der Schweiz. Schlüsselerlebnis für die Geburtsstunde der größten humanitären Organisation der Welt war die Schlacht von Solferino in Italien, 1859. Henry Dunant wird Zeuge der Not und des Elend auf dem Schlachtfeld. Seine Idee der selbstlosen Hilfe ist noch heute der Grundstein für die internationale Rotkreuzhilfe. Im selben Monat geht die neue DRK-Imagekampagne „Aus Liebe zum Menschen“ an die Öffentlichkeit. Sie beleuchtet die Motivation hinter der Rotkreuzarbeit und setzt neben emotionalen Motiven auf Plakaten und Anzeigen auf das Internet und soziale Medien.
Anlässlich des Jahrestages der UN-Kinderrechtskonvention, einem Internationalen Abkommen über die Rechte von Kindern, starten mehrere Landesverbände des Deutschen Roten Kreuzes eine Aktion gegen Kinderarmut. Mit einer Serie von Briefen wenden sie sich an die Ministerpräsidenten ihrer Länder und appellieren an sie, am Ausbau von Kindertagesstätten festzuhalten. Auch plädieren sie dafür, den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Ein- bis Dreijährige ab dem Jahr 2013 wie geplant einzuführen. Im selben Monat regnet es Auszeichnungen: Zwei DRK-Projekte werden mit dem Deutschen Bürgerpreis geehrt. Katastrophenhelfer Claus Muchow erhält den Medienpreis Bambi in der Kategorie „Stille Helden“.
Zahlreiche nordrhein-westfälische Helferinnen und Helfer folgen einer Einladung ins Schloss Bellevue, darunter 100 Rotkreuzhelfer. Anlass ist eine besondere Ehrung. Bundespräsident Christian Wulff bedankt sich bei den Anwesenden stellvertretend für alle Rettungskräfte, die bei der Duisburger Loveparade im Juni 2010 im Einsatz waren. Bei der Veranstaltung brach damals eine Massenpanik aus. Die Tragödie kostete 21 Menschen das Leben, mehrere hundert wurden verletzt.
© Fotos: DRK


















